Wozu noch Landwirtschaft?

Gerade in den USA forschen viele Firmen daran, Nahrungsmittel wie Fleisch oder Eier ohne Landwirtschaft zu produzieren.

Bei AgTech dreht sich alles um die Verbesserung und Modernisierung der Landwirtschaft. Weniger Ressourcen, tier- und umweltfreundlichere Herstellung von Nahrungsmitteln. Guter Ansatz, keine Frage.

Während sich der Fortschritt aber in diese Richtung aufmacht gibt es Forscher, die sich aus ganz anderer Richtung dem Nahrungsmittel nähern. Sie kommen eher aus der organischen Chemie oder der Biologie und wollen auf heute als künstlich empfundenen Wegen Nahrungsmittel produzieren.

Wenn es diesen Firmen gelingt, z.B. „Clean Meat“ in Bioreaktoren ganz ohne Tiere herzustellen, diese Produkte massenmarkttauglich und vom Verbraucher akzeptiert werden, dann kommt es zu einer brutalen Revolution in der Landwirtschaft (= disruptiv). Denn das schafft die Landwirtschaft in der Form, wie wir sie heute kennen, weitgehend ab. Wozu der modernste Roboterschwarm auf dem Feld, wenn das Protein ohne diesen Aufwand im Fermenter hergestellt werden kann? Wozu die aufwändige Rinderzucht, wenn der Patty für den Burger mit wenig Aufwand aus dem Bioreaktor kommt?

So weit ist es noch nicht. Und ob es so kommt, ist ungewiss. Aber wegschauen und auf die eigene Unersetzlichkeit zu bauen, hat schon viele Unternehmen oder ganzen Branchen die Existenz gekostet.

Dann lieber hinschauen und sich ein eigenes Bild machen. Daher stelle ich in loser Folge einige solcher Startups vor.

Nebenbei: Ob so ein Laborfleisch nun vegan oder vegetarisch ist, darüber streiten die verschiedenen Lager. Streng genommen ist es tierischen Ursprungs und daher nicht vegetarisch. Vielen Vegetariern  geht es aber um das Tierwohl und wer aus solch ethischen Gründen auf Fleisch verzichtet, der könnte Clean Meat akzeptieren.

PS: Analoge Entwicklungen gibt es auch für Fisch/Meeresfrüchte und für landwirtschaftliche Rohstoffe (Stichwort: Milch, Protein und Stärke)


Meine Meinung

Sind das alles nur Spinner oder sind des Visionäre? Das kann keiner vorhersagen. Viele haben den Mund schon sehr voll genommen und sind hinterher kläglich gescheitert. Die Versprechungen klingen allerdings verlockend. Stellen Sie sich bitte mal vor, industrielle Abnehmer könnten die Zusammensetzung von Proteinen oder Stärke nach eigenen Wünschen definieren und das in gleichbleibender Qualität. Meinen Sie, sie würden (Verbraucherakzeptanz vorausgesetzt) lange fackeln?

Die Argumentationen der neuen Firmen wiederholen sich: Umweltschutz und Tierwohl stehen im Zentrum. Beide Themen sind im Trend, vor allem für die urbane Gesellschaft scheinen sie immer wichtiger zu werden. Wer clean produziert, Ressourcen und Tiere schont, ist oft automatisch „der Gute“ (und die Landwirte damit die Bösen). Aus meiner Perspektive macht es wenig Sinn, das richtig oder falsch dieser Aussage zu diskutieren. Denn wer Recht hat oder nicht, das ist hier leider nicht die Frage, sondern: was kaufen die Kunden?

All diese Firmen sind keine Konkurrenten im herkömmlichen Sinne. Ihr Ziel ist es direkt oder indirekt, die aktuelle Landwirtschaft abzuschaffen. Henry Ford wird das Zitat zugeschrieben: „Wenn ich die Leute gefragt hätte, was sie haben wollen, hätten sie „eine bessere Kutsche“ gesagt“. Ford ist aber nicht in diese Konkurrenz eingestiegen, sondern hat ein Auto gebaut. Er hat die Kutschen also nicht weiter verbessert (wie Ag-Tech es mit der Landwirtschaft versucht), sondern die Kutschen abgeschafft. Das ist Disruption in Reinform.

Keine Frage: verbessern wir die aktuelle Landwirtschaft.

Aber auch keine Frage: haben wir diese Firmen in der Optik.

Drei Swarm-Protein Riegel